Orchideen der Rhön:
Orchideenlebensräume

12. April 2008

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Buchonia – das Buchenland:
Fuldaer Mönche prägten im frühen Mittelalter diese Bezeichnung für die waldreichen Gegenden Osthessens. Buchenwälder in ihren verschiedenen Ausprägungen sind die vorherrschende potentiell-natürliche Vegetationsform der Rhön, nur ein kleiner Flächenanteil von Hochmooren, Blockhalden und Felsen ist primär waldfrei. Die Rhönlandschaft ist schon von Natur aus sehr vielgestaltig, doch der Mensch hat sie im Laufe der Jahrhunderte durch Rodung, Siedlung, Ackerbau, Weide- und Wiesenwirtschaft zu einer strukturreichen Kulturlandschaft umgewandelt.
 
Die territoriale Zersplitterung der Rhön führte bereits während der hochmittelalterlichen Siedlungsphase zur großflächigen Entwaldung bis in die höchsten Berglagen. Auch heute sind nur etwa 40% der Fläche von Wald bedeckt, dabei ist aber der Anteil naturnaher Wälder erfreulich hoch. Heute sind gerade die Pflanzen und Tiere des extensiven Grünlandes gefährdet, denn ihre Lebensräume sind einerseits durch Intensivierung der Landwirtschaft bedroht, andererseits aber auch durch Nutzungsaufgabe, Brachfallen und natürliche Sukzession. Überließe man die Natur hier ganz sich selbst, so wäre die Rhön binnen kurzer Zeit um viele Lebensräume und Arten ärmer. Auch viele unserer heimischen Orchideen kämen wohl kaum ohne menschliches Zutun in unserer Landschaft vor.
 
Aufgrund der Vielfalt abiotischer Faktoren ist die Rhön zwar schon von Natur aus ein Gebiet mit enormer Biotop- und folglich auch Artenvielfalt, doch auch die durch den Menschen geschaffenen sekundären Lebensräume sind von großem Wert. Die Rhön gehört wegen ihres Reichtums an natürlichen und naturnahen Lebensräumen zu den wichtigsten Refugien für Flora und Fauna in Deutschland.
 
So unterschiedlich unsere Orchideen in ihren biologischen Eigenschaften und in ihrem Aussehen sind, so vielfältig sind auch ihre Ansprüche an den Lebensraum, in dem sie vorkommen. Nur ein Teil unserer heute heimischen Orchideen würde auch dann bei uns vorkommen, wenn die Landschaft in ihrem potentiell-natürlichen Zustand wäre, also bedeckt von Laubwäldern mit hohem Buchenanteil. Nur ein kleiner Flächenanteil ist primär waldfrei, in erster Linie trifft dies auf die Hochmoore, auf die Felsen und Blockhalden sowie auf wenige kleinflächige Kalkklippen zu. Alle diese Lebensräume sind mit einer Vielzahl hochspezialisierter Arten ausgestattet. Auch wenn die Römer sich vor den finsteren Wäldern Germaniens fürchteten – schon seit der letzten Eiszeit war Mitteleuropa nie mehr dicht bewaldet. So konnten aus dem Süden Arten zuwandern, die im Offenland heimisch sind. Und erst recht seit der Sesshaftwerdung des Menschen, der Ackerbau und Weidewirtschaft betrieb, entstanden reichhaltige Biotopstrukturen und günstige Lebensbedingungen für Pflanzen mit unterschiedlichsten Ansprüchen.
 
Infolge der mittelalterlichen Landnutzung und begünstigt durch ständige Konkurrenz der Territorialherrscher wurden auch die höchsten Berglagen der Rhön weitgehend entwaldet. Es entstand ein extensives Grünland mit Lebensräumen auch für subalpine Orchideenarten. Mit der Nutzung als Kulturland veränderte sich die Landschaft bis zum heutigen Tag stetig. Die klaren Grenzen zwischen Acker, Weide, Mähwiese und Wald gab es zunächst nicht, sie sind Erfindungen der Neuzeit. Deshalb konnten sich die Orchideen in der stark fragmentierten Landschaft immer wieder neue Lebensräume und Nischen erschließen; ein Prozess, der von ganz entscheidener Bedeutung für eine gesunde Populationsdynamik ist. Indem der Mensch die Landschaft kultivierte, hegte und pflegte er auch anspruchsvolle Pflanzen- und Tierarten. Der Verlust einzelner Standorte aufgrund von Nutzungsänderungen konnte auf diese Weise relativ leicht kompensiert werden. So war es über Jahrhunderte auch in der Rhön.
 
Doch mit der Industrialisierung änderten sich die Lebensbedingungen, die Methoden der Landwirt- schaft. Schritt für Schritt wurde die Landschaft besser nutzbar gemacht, sie wurde dadurch vielerorts aber auch strukturärmer. Zwangsläufig kam es zum Rückgang der Orchideenvorkommen – zuerst schleichend und dann ganz massiv, auch in der Rhön. Schon vor 200 Jahren verschwand die erste Orchideenart aus unserer Gegend: das Wanzen-Knabenkraut (Anacamptis coriophora). Lieblein sah diese Art noch bei Fulda. Vergleicht man alte Fundaufzeichnungen des Kleinen Knabenkrautes (Anacamptis morio) mit heutigen Vorkommen, so ist nicht nur ein starker Rückgang der Fundortanzahl feststellbar, sondern auch ein dramatischer Populationsrückgang. Nahezu alle Wiesenorchideen sind von dieser Entwicklung erfasst worden. Nicht zu Unrecht stehen sie allesamt auf den Roten Listen gefährdeter Pflanzenarten. Es wird viel Arbeit nötig sein, um sie in unserer Landschaft zu erhalten.
 
Insgesamt stellt die Rhön im bundesweiten Vergleich noch immer einen Naturraum von sehr hoher Qualität dar. Die reich differenzierten Lebensräume sind untereinander noch relativ gut vernetzt, was für das Überleben hochspezialisierter Arten von existentieller Bedeutung sein kann. Besonders reichhaltige Biotopstrukturen sind auf den weiten Matten und in den urigen Bergwäldern und Hochmooren der Hohen Rhön, auf den großflächigen Wacholderheiden in der Thüringer Rhön und auch an aufgelassenen Weinbergshängen im Saaletal erhalten.
 
Zum Bedrohungspotential der Lebensräume heimischer Orchideen sind in jüngster Zeit zwei neue Aspekte hinzugekommen: zum Einen die vollständige Nutzungsaufgabe und die darauf folgende natürliche Sukzession, zum Anderen der verstärkte Anbau von Pflanzen zur Energiegewinnung. Hierzu werden Grünflächen wieder umgebrochen und in der Nutzung intensiviert. Ein zukünftig möglicher Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen birgt Risiken, deren Auswirkungen auf die heimische Pflanzenwelt noch völlig ungewiß sind.
 
Für das Gebiet Dietershausen / Giebelrain wurden exemplarisch rhöntypische Biotopstrukturen erläutert:

Biotopstrukturen – an einem Beispiel erläutert
 

In der Folge sind die wesentlichen Orchideenbiotope der Rhön kurz charakterisiert. Dabei stehen nicht die pflanzensoziologischen Gesichtspunkte im Vordergrund, sondern das optisch erfaßbare Erscheinungsbild. Die Auflistung einiger Charakterarten und Besonderheiten soll dazu beitragen, einen möglichst signifikanten Eindruck von den verschiedenen Habitattypen zu vermitteln.

Kalk-Buchenwälder
Montane Laubwälder
Thermophile Laubwälder
Nadelwälder
Saumgesellschaften
Kalk-Halbtrockenrasen
Silikatrasen
Bergwiesen, Borstgrasrasen
Feuchtwiesen
Sümpfe und Flachmoore
Moore
Orchideen auf Abwegen