Orchideen der Rhön:
Evolution – Co-Evolution

17. Juni 2008

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Etwas begreiflicher wird die verwirrende Vielfalt der Formen und Farben, wenn man betrachtet, wie sich infolge von Evolution und Co-Evolution mit den Bestäubungsinsekten die heutigen Arten entwickelt haben beziehungsweise noch weiter entwickeln.
 
Die genetische Veränderung (Mutation) ist der Motor der evolutionären Entwicklung. Je weniger gefestigt das genetische Gefüge einer Art ist, desto häufiger treten Mutationen auf. Während zum Beispiel der Frauenschuh (Cypripedium calceolus) als genetisch einigermaßen konstant gilt und kaum variiert, kann bei der Gattung Dactylorhiza ein Verwirrspiel von Varietäten beobachtet werden, das die Abgrenzungen zwischen den Arten mitunter unmöglich macht. Diese rege Variationstätigkeit weist darauf hin, dass hier die Evolution noch voll im Gange ist. Große Dactylorhiza-Populationen mit entsprechend großem Genpool sind wahre Spielwiesen der Natur mit immensem Variationsvermögen.
 

Die meisten Mutationen führen jedoch in eine Sackgasse der Entwicklung. Wenn aber eine Mutation tatsächlich positive Auswirkungen zeigt, dann kann es sein, dass sich eine Pflanze sprunghaft einen Vorteil gegenüber ihren Geschwistern verschafft. Dieser könnte sich in größerer Akzeptanz durch Bestäubungsinsekten, dem Besiedeln neuer Biotope oder der Erweiterung des Verbreitungsgebietes äußern. Schlicht gesagt: die Pflanze hat sich eine ökologische Nische erschlossen.
 

Die evolutive Entwicklung einer Art kann in einer Spezialisierung gipfeln. Auch die Orchideen als Gesamtheit haben sich spezialisiert, und zwar in Bezug auf die Symbiose, die sie zur Keimung mit Pilzen eingehen. Die »Saprophyten« (Fäulinsbewohner) unter den heimischen Arten sind sogar zeitlebens von Pilzen abhängig, da sie keine grünen Blätter ausbilden, kaum Chlorophyll erzeugen und somit auf die photosynthetischen Prozesse verzichten. Viele Arten haben sich auch auf bestimmte Lebensräume oder bestimmte Bestäubungsinsekten spezialisiert. Ein Paradebeispiel dafür ist die Gattung der Ragwurze (Ophrys), deren Arten sich als Sexualtäuschblumen zwangsläufig auf ein bestimmtes Insekt fixieren müssen. Die Blüten dieser Gattung ähneln weiblichen Insekten und locken die paarungsbereiten Männchen. In allen Blüteneigenschaften – Dimension, Farbe, Geruch, Behaarung – und in der Blütezeit muss die Pflanze ganz auf das Insekt abgestimmt sein, damit die Täuschung funktioniert.
 
Manche Arten schlagen gemeinsam mit ihren Bestäubern einen Entwicklungsweg ein; der eine Partner hält Schritt mit der Entwicklung des anderen. Dieses zwischen Pflanzen und Tieren gar nicht seltene Phänomen bezeichnet man als Co-Evolution.
 
Doch Spezialisierung bedeutet auch Risiko – denn wenn der entscheidende Abhängigkeitsfaktor sich verändert oder gar wegfällt, dann kann die spezialisierte Art nicht mehr existieren – es sei denn, sie hat sich noch ein »Hintertürchen« offengehalten wie zum Beispiel die Bienenragwurz (Ophrys apifera): Sie kommt in Mitteleuropa ohne ihr mediterran verbreitetes Bestäubungsinsekt aus, indem sie sich schlichtweg selbst bestäubt. Man bezeichnet sie als fakulativ autogam, im Gegensatz zu obligat autogamen Arten, die sich generell selbst bestäuben.
 
Normalerweise vollzieht sich die Evolution nicht nach den Zeitmaßstäben des Menschen. Doch in der Beobachtung der Orchideen können wir etwas ahnen von den Kräften, die die Schöpfung voran treiben und von dem, was Heraklit vor 2500 Jahren feststellte: »panta rhei« – alles fließt. Die analytische Betrachtung der Lebensformen im Reiche der Orchideen fordert den Geist der Forscher heraus und regt uns zum Staunen an.
 
Weitere Informationen:

de.wikipedia.org | Evolution
de.wikipedia.org | Co-Evolution